Andacht zum Sonntag Exaudi (24. Mai 2020)

 
 

Liebe Geschwister,

der Liedermacher Reinhard Mey singt: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Viele warten sehnsüchtig darauf, dass der Flugverkehr endlich wieder freigegeben wird. Viele sehnen sich danach, auch in diesem Jahr im Urlaub in die Sonne fliegen zu können. Doch in diesen Tagen hebt kaum ein Flugzeug ab. Die Fluggesellschaften geraten in große Not. Ein erster Flughafen schließt für immer. Wenn wir in den Himmel schauen, sehen wir kaum noch weiße Streifen. Umso mehr wächst bei uns die Sehnsucht. Einfach mal für ein paar Tage aus dem Chaos unserer Tage entfliehen, das wär's. Einfach mal alle Ängste und alle Sorgen hinter uns lassen, das würde uns gerade jetzt so richtig gut tun. Denn wer schon einmal geflogen ist, kennt dieses Gefühl. Wenn das Flugzeug abhebt und sich langsam immer weiter vom Boden entfernt, dann sehen die Menschen, die Autos, die Häuser und die Landschaften nur noch aus wie Spielzeug. Über der geschlossenen Wolkendecke scheint die Welt, wie wir sie kennen, verschwunden zu sein. Und damit sind auch alle Ängste und alle Sorgen, die uns noch vor wenigen Stunden so groß und wichtig erschienen, plötzlich nichtig und klein. Am Urlaubsort angekommen, sieht die Welt völlig anders aus. Doch noch ist es nicht so weit. Die Urlaubsflieger heben noch nicht wieder ab. Noch können wir nur sehnsüchtig in den Himmel schauen. Und wenn wir doch eines der wenigen Flugzeuge sehen, können wir nur wie Reinhard Mey am Ende der letzten Strophe singen: „Ich wär' gern mitgeflogen.“

Am vergangenen Donnerstag haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert. Der Sonntag Exaudi blickt zurück auf Himmelfahrt. An diesem Sonntag blicken wir sehnsuchtsvoll in den Himmel. Jesus ist in den Himmel aufgefahren. Dort ist er in der himmlischen Herrlichkeit angekommen. Dort bei Gott gibt es alle Ängste und alle Sorgen dieser Welt nicht mehr. Was uns hier zu schaffen macht, hat dort keine Macht mehr. Wir stellen uns vor, wie Jesus von oben her auf unsere Welt schaut und wie für ihn alles, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein ist. Vielleicht gibt es deshalb so manchen, der in den Himmel schaut und zu Jesus sagt: „Ich wär' gern mitgeflogen.“
Der Name des Sonntags „Exaudi“ stammt aus Psalm 27 und ist ein Ruf an Gott: „Höre / erhöre!“ Und der Wochenspruch, sowohl für den Himmelfahrtstag als auch für den Sonntag Exaudi und für die kommende Woche, klingt, als hätte Jesus diese Bitte erhört. In unserem Wochenspruch steckt das Versprechen drin, dass wir mitfliegen dürfen. Der Wochenspruch heißt:
„Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32)
Mit diesen Worten verspricht uns Jesus den Himmel, den Ort, wo alle Ängste und alle Sorgen unserer Welt nichtig und klein werden. Denn auch wenn Jesus schon beim Vater ist, sind ihm unsere Ängste und Sorgen eben nicht nichtig und klein.

Sein Versprechen löst Jesus auf zwei verschiedenen Wegen ein. Natürlich haben wir als Christinnen und Christen die Gewissheit, dass wir nach dem Tod zu Christus gezogen werden. In seiner himmlischen Welt werden wir erlöst sein. Doch die meisten von uns wollen dieses Versprechen gerne noch nicht annehmen. Die wenigsten wollen jetzt schon in den Himmel gezogen werden. Und deshalb löst Jesus sein Versprechen auf einem zweiten Weg ein.

Der Sonntag Exaudi ist nicht nur der Sonntag nach Christi Himmelfahrt. Es ist auch der Sonntag vor Pfingsten. Wir blicken zu Exaudi schon voraus auf Pfingsten, das Fest, an dem Jesus seinen Heiligen Geist über die Menschen ausgegossen hat. Mit seinem Geist kommt er uns nahe, und das nicht erst im Himmel. Mit seinem Geist ist er bei uns, und das auch an jedem Tag in unserem Alltag. Mit seinem Geist kommt der Himmel zu uns auf die Erde. Überall, wo wir mit dem Geist Gottes unterwegs sind, passiert genau das, was Reinhard Mey singt: Viele Ängste, viele Sorgen und vieles, was uns groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein. Denn mit Gottes Geist muss die Freiheit der Kinder Gottes wohl grenzenlos sein.

Reinhard Mey singt von der Sehnsucht nach dem Fliegen. Auch wir würden vor den Sorgen dieser Tage am liebsten davonfliegen. Doch jeder Urlaub, ob mit oder ohne Flugzeug, lässt die Sorgen nur kurz Urlaub machen. Sie sind deshalb nicht weg. Auch wenn Gottes Geist uns erfüllt und wenn seine Nähe uns umgibt, bleiben so manche Sorgen. Und doch ist das mehr als ein Urlaub von den Sorgen. Denn wir haben in diesen Ängsten und Sorgen die Gewissheit, dass der bei uns ist, der uns in Ewigkeit aus den Sorgen herausführt.

Ich wünsche uns allen, dass wir in unserem Alltag und gerade in unseren Sorgen und Ängsten die Gegenwart unseres Herrn spüren können. Lasst uns mit ihm mitfliegen und schon hier auf der Erde ein Stück des Himmels erleben. Damit wünsche ich Ihnen / Euch einen gesegneten Sonntag Exaudi und eine Woche voller Vorfreude auf Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes.

Und wie immer gilt am Schluss: Der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Ihr / Euer Pfarrer Matti Schlosser

P. S.: Die Andacht wird in den nächsten Tagen wieder im Flur des Pfarrhauses zum Mitnehmen und Weitergeben ausgelegt.

 
 
23.05.2020, 16:49 Uhr
Autor: Andreas Nestler
 
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