Reisebericht

 
 

Tschernobyl, Juschtschenko, Tymoschenko, Schewtschenko, Klitschko - was fällt einem dazu ein? Natürlich, ist ja sonnenklar: Atomkraftwerk, orangene Revolution, Gaskrise, AC Mailand, und Milchschnitte – oder einfacher: Die Ukraine. Vor 3 Jahren besuchte ich dieses Land zum ersten mal; zuletzt in diesem Februar. Auf viel- (um genau zu sein zwei) -fachen Wunsch folgt nun ein kleiner Reisebericht.

Zuerst will ich eine Frage beantworten, die bestimmt die meisten haben: Was machst de du in dr’ Ukraine? 2006 stellte ich mir genau diese Frage auch, als mich mein Freund Jeremias auf eine Ukrainefahrt einlud. Ich erlebte, die Antwort ist einfach: Wir besuchen Juden. Im Grunde nichts anderes als der Besuchsdienst bei uns in der Gemeinde. Und nichts anderes als den Dienst, den der Herr Jesus einmal in der Bibel erwähnt: „Ich war im Gefängnis, und Ihr habt mich (nicht) besucht“. Einfach ne Weile dasein und zuhören. Und bei Gelegenheit versuchen mit Wort, Gebet und Tat zu helfen. Tat heißt in den meisten Fällen je nach Gegebenheit Fresspakete, dringend benötigte Gegenstände oder Geldspenden. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt, bezeugen wir unsere Hoffnung, die wir durch Jesus haben dürfen. So. Näheres werdet Ihr in den folgenden Zeilen herauslesen können. Und wem das net reicht, ist mal herzlich nach Kretscham eingeladen!

Los ging’s am Sonntag den 22. Februar in Dresden mit einem weißen VW-Bus. An Bord der Leiter dieser Ukrainearbeit Jeremias Heidel und ich. Im Schnitt dauert eine Fahrt zwischen 10Tagen und 2 Wochen; 3 bis 5 Personen fahren mit. Diesmal sind wir nur zu zweit und der Einsatz soll nur eine knappe Woche dauern – am Sonnabend wollen wir, Sub conditione Jacobaea, wieder in Dresden sein.

Nachdem wir im frühen Abend die Stadt verlassen haben, fahren wir auf der A4 zügig Richtung Osten. Da man an der deutsch polnischen Grenze (Schengen sei Dank) keinen Stop mehr einlegen muß, geht es auf der einzigen wirklichen polnischen Autobahn unaufhaltsam vorwärts. Über Warschau, Kattowitz und Krakau gelangen wir nach Ostpolen. In Jaroslaw verlassen wir die Autobahn und parken nach einigen Kilometern gegen 5Uhr in einer Waldschneise, um ein paar Stunden zu schlafen. Um 8 geht’s Topfit weiter. Und so erreichen wir schließlich im frühen Montagmittag Zosin, einen Ort mit einem kleinen Grenzübergang. Die ukrainische Grenze ist etwas, was ein Europäer dieser Tage wohl nur noch aus seiner Erinnerung kennt: Streng bewacht, Überfahrt über einen Grenzfluss, geharktes Ackerland, ausfahrbare „Nagelbretter“ (jedenfalls Dinger die kein Reifen bei einer Überfahrt überlebt), lange Grenzkontrollen und Beamte, auf deren Gunst man angewiesen ist. Und nicht zu vergessen: lange Wartezeiten. Doch diesmal geht es schnell: nach 1,5 Stunden haben wir Westeuropa verlassen und sind: In der Ukraine.

Unsere Stationen für die ersten Tage sind die Städte Lutsk und Rowno. Nachdem wir dort angekommen sind und unser Quartier in einem Hotel bezogen haben, treffen wir eine wichtige Verbündete: unsere Übersetzerin Lena. Lena ist 29, hat einen Mann und zwei Kinder und studierte Lehramt für Deutsch. Neben ihrem Mutterdasein kann sie sich so ein paar Griwna dazu verdienen – und wir genießen das freundschaftliche Zusammensein. Außerdem ist das Übersetzten eine wirklich wichtige Aufgabe – denn was nützt es, wenn wir die Leute und Sie uns nicht verstehen. Die Ukrainische Sprache ist zwar sehr mit der russischen verwand, aber es gibt schon ein paar Unterschiede. So verstehen alle Ukrainer Russisch, aber nicht jeder Russe Ukrainisch. Und ich sowieso keines von beiden wirklich.

In Rowno treffen wir zum Beispiel Natascha mit Ihrem Mann Pavel. Beides sind Juden und gehören, wenn es so etwas überhaupt wirklich gibt, zur Ukrainischen Mittelschicht. Denn in der Ukraine gibt es wenige die sehr viel, viele die wenig und sehr viele die sehr wenig besitzen.
Natascha und Pavel sind Mitte vierzig, Juden und glauben nicht an Gott – wie übrigens die meisten Juden. Sie sind einfach Juden wie wir Deutsche sind. Beide arbeiteten vor kurzem bei einem kleinen privaten Rundunksender, vom Programm her wie MDR Kultur. Das ist etwas Besonderes, denn die meisten Medien sind nach wie vor unter staatlicher „Obhut“. Um eine Sendelizenz zu bekommen, musste das schaffensfrohe und optimistische Betreiberteam ein langwieriges bürokratisches Prozedere durchstehen. Dafür nahmen einige Mitarbeiter, unter anderem auch Pavel, sogar einen privaten Kredit auf. Als nach langwierigen Hin und Her endlich die Lizenz da war, wurde der Sender im Herbst kurzerhand zwangsgeschlossen. Der Grund: Regierungskritische Töne – und das im Wahljahr. An diesem Beispiel sieht man, dass man in der Ukraine eines nicht kann, was in Deutschland gar kein Problem ist (wenn man es denn will): frei seine Meinung zu sagen. Finanziell wie auch gesellschaftlich ist das für diese Familie ein schwerer Schlag und mehr als deprimierend. Obwohl sich beide nicht aufgeben und durch diese Lage ernsthaft mit Gott beschäftigen, sehen beide keine Zukunft mehr in diesem Land und wollen so schnell es geht auswandern.

Weiterhin trafen wir Mischa, einen junger Kerl von 17 Jahren. Seine Schwester arbeitet in einen Supermarkt um Geld zu verdienen, die Mutter ist drogenabhängig und im Krankenhaus. Mischa lebt bei seiner Großmutter und verdient sich etwas Geld durch Schwarzarbeit bei einem Händler für Autoersatzteile. Er hat einen Wunsch: mit seiner Schwester nach Deutschland auswandern. Um mehr Praxis im deutsch sprechen zu bekommen, haben wir Ihn auf unserer Reise im Herbst 2008 ein paar Tage mitgenommen. Bei unserem jetzigen Treffen merken wir, das er schon einiges dazu gelernt hat. Mischa ist übrigens Christ und Jude – welch eine Freude.

Am Mittwochabend verlassen wir Rowno in Richtung Süden. Außerdem mit dabei sind Lena und Natascha, die ebenfalls üben möchte deutsch zu sprechen. Mittag stoppen wir in Lwiw (zu Deutsch Lemberg), eine uralte Stadt, welche beide Weltkriege relativ unbeschadet überstanden hat und dementsprechend sehr interessant ist. Wir beladen den Buss bis zur Decke mit Mazza (einer Art Kneggebrot was in jüdischen Kreisen oft gegessen wird) und setzen unsere Fahrt fort. Abends erreichen wir Uschgorod, eine Stadt im Landstrich Transkarpatien, wo wir die letzten 2 Tage verbringen werden.

In Uschgorod treffen wir unter anderem einen älteren Mann, der beim letzten Besuch nur noch ein Bein hatte. Wir wollen eine die Spende eines Hauskreises übergeben, um eine westeuropäische Prothese mit zu finanzieren; bis wir sehen, dass er in der Zwischenzeit auch das 2. Bein abgenommen bekommen hat. Da liegt er nun dort und erzählt uns von seinen Garten, in den er als leidenschaftlicher Gärtner und Kirschbaumzüchter bald zurückmöchte. Er bietet uns eine Schachtel Schokoladenpralinen an. Ich weis mir in dieser Situation, in der sich das Leben so real und hart vor mir abspielt, einfach nichts zu sagen. Kann ich hier als junger kräftiger Mensch mit zwei Beinen von Jesu Liebe sprechen? Jetzt? Hier? - - - Ja! Denn das ist das einzige, was wir ihm jetzt weitergeben können und das einzige, was Ihm wirklich helfen kann. Und warum nicht weitergeben, von was ich so oft profitiere: Von Jesu unklar großer Gnade! Unser Zeugnis vom lebendigen Gott, dem Gott Abrahams und Isaaks, der uns und Ihn mit mir oft so unverständlich großer Zuneigung liebt und uns nicht fallen lässt; der uns Hoffnung, Frieden und Glauben schenken kann in jeder Situation. Das ist Fakt. Das kann man immer glauben und bezeugen. Übrigens auch bei uns drham.

Wir besuchten auch noch eine andere Frau. Sie wohnt mit Ihrer behinderten Tochter in einem Neubaublock und arbeitet als Putzfrau. In der Küche brennen 2 Flammen des Gasherdes – denn die Heizung geht nicht (übrigens im ganzen Wohngebiet). Draußen ist kalter Winter, und drinnen dank Gasherd 15 Grad. Wenn denn mal Gas da ist. Gas ist teuer geworden. Die Ukraine bekam das Gas aus Russland bisher zu einen Spottpreis, sozusagen Osttarif. Damit ist jetzt Schluss, in den nächsten Jahren wird der Preis stufenweise auf Westniveau angehoben – für das Land und die Bevölkerung eine Katastrophe. Zum Vergleich der Einkommen: Eine studierte Lehrerin, die an einem Gymnasium arbeitet verdient im Monat ca. 900 Griwna (derzeit sind dass 82 ¤ - im Herbst waren es noch 130¤). 400 muß ein Ukrainer mit kleiner Wohnung derzeit für Heizkosten einplanen. Der Rest bleibt für Miete, Essen, und die oft vorhandene Familie. Diese Frau ist keine Lehrerin, sondern Putzfrau – und hat keinen Mann, der dazu verdient. Und das nur ein Fall von tausenden in diesen Land.

Am Freitagabend fuhren wir nach dem Besuch einer Bilderausstellung, zu der uns ein Freund einlud, wieder Richtung Deutschland. An der Grenze zu Ungarn wurde auch noch mein Bedürfnis nach Abenteuer befriedigt: Die Grenzer nahmen uns nach zuerst freundlicher Unterstützung vollkommen auseinander. Doch auch das ging ohne weitere Komplikationen ab. Und so kamen wir am Sonnabendmittag nach einer sehr gesprächigen Fahrt durch Ungarn, Slowakei und Tschechei wieder wohlbehütet in Dresden an.

Im Gedächtnis blieben mir vor allem die politische und gesellschaftliche Unzufriedenheit und Resignation der Leute die wir trafen. Und das so oft geradezu blinde Zuleben auf das Lebensende, ohne sich die Frage zu stellen: was kommt danach? Die vielen Juden in der Ukraine, die Gottes Volk sind ohne es zu wissen. Die guten Gespräche während der Fahrt. Und manch dankbares ukrainisches Gesicht.

Tja, und warum fahre ich deswegen in die Ukraine??? Ähnliche Situationen ließen sich doch mit Sicherheit auch in Deutschland finden. – Stimmt. Doch eben auch in der Ukraine.

 
 
03.04.2009, 08:09 Uhr
Autor: Frank
 
Kontakt brief      |      © 2005 - 2017 Ev.-Luth. Kirchgemeinde Neudorf      |      Impressum